SOZIALISIERUNG DES HUNDEWELPEN UND EVENTUELLE PROBLEME

 

 

 

Sozialisierung eines Hundewelpen

 

Im wesentlichen stammen die Erkenntnisse aus den Büchern von Eric H.W. Aldington „Von der Seele des Hundes“ und Eberhard Trumler „Mit dem Hund auf du“ (beide Werke werden unter „Bücher“ näher vorgestellt) und aus dem von Tierärzten der UMES verfassten "Guide pratique de l' élevage canin".

 

Hundewelpen kommen blind und taub zur Welt, ohne Geruchssinn, ihr Nervensystem ist nur wenig myelinisiert. Die folgenden Wochen, in denen ihre Sinne erwachen, sind ausschlaggebend für ihre physische Entwicklung und ihr Verhalten.

 

Verhaltensforscher unterscheiden folgende Phasen in der Entwicklung eines Welpen und Junghundes:

 

 

 

- die vorgeburtliche Phase (antenatale Phase)

 

- etwa erste und zweite Woche: Neugeborenenphase (neonatale Phase)

 

- zwischen zweiter und dritter Woche: Übergangsphase (Transitionsphase)

 

- dritte bis zwölfte Woche: Sozialisierungsphase, davon sechste bis achte Woche: Prägungsphase

 

Die vorgeburtliche Phase: Untersuchungen haben gezeigt, dass der Fötus ab dem 45. Tag der Trächtigkeit der Hündin auf Berührungen reagiert, der Tastsinn entwickelt sich also anscheinend sehr früh. Die Föten sind demnach bereits in der Lage, wahrzunehmen, wenn die Hündin liebevoll gestreichelt wird. Aber sie können wohl auch schon den Stress der Mutterhündin mitempfinden, was u.U. zu Aborten, aber auch zu intra-uterinen Wachstumsrückständen oder Lernschwierigkeiten der Welpen nach der Geburt führen kann.

 

Die Neugeborenenphase (auch vegetative Phase genannt) dauert von der Geburt bis zum Öffnen der Augen (mit etwa zwei Wochen). Der Welpe verbringt den grössten Teil der Zeit mit Schlaf und einigen Grundreflexen wie dem Saugen. Gerade die Sinne, die für den Hund später so wichtig werden, sind noch nicht entwickelt, nur der Tastsinn. Der Welpe empfindet aber warm-kalt und verfügt über einen Gleichgewichtssinn. Durch Stimulation wird die Myelinisierung (die Nervenbahnen leiten Impulse dadurch schneller) angeregt, es erweist sich schon in diesem Stadium der Entwicklung als Vorteil, wenn der Welpe erste Kontakte zum Menschen hat, z.B. beim täglichen Wiegen und Säubern der Wurfkiste.

 

7 Tage alter Akita Inu Welpe
7 Tage alter Akita Inu Welpe

 

Die Übergangsphase beginnt, sobald sich die Augen öffnen. Sie wird auch als "Zeit des Erwachens" bezeichnet. Das Sehen ist noch nicht perfekt, aber die Welpen beginnen allmählich, ihr Umfeld zu erkunden, zu spielen, sich an ihre Mutter zu binden und ihre Artgenossen zu erkennen (was man als Prägung bezeichnet). Die Schlafphasen sind nicht mehr so umfangreich (65 bis 70 % des Tages). Man bemerkt erstes Knurren und Bellen. Die Welpen empfinden noch keinen Stress. Sobald der Welpe auf Geräusche reagiert (ab Ende der dritten Woche), ist diese Phase beendet. Meist sind jetzt auch die ersten Zähne durchgebrochen.

 

Akita-Welpen, 18 Tage alt
Akita-Welpen, 18 Tage alt

 

Die folgende Sozialisierungsperiode, die bis zum Alter von etwa 3 Monaten dauert, ist eine Phase des Erlernens und Entwickelns vom Beziehungen zwischen den Mitgliedern einer Spezies oder einer Gruppe. Das Tier lernt dabei zunächst, welcher Gattung es selbst angehört, später lernt es die Kommunikationssignale, die empfangen oder ausgesandt werden, zu interpretieren, schliesslich integriert es sich in eine Gruppe, indem es sich den herrschenden Regeln anpasst.

 

Diese Sozialisierung ist intraspezifisch und heterospezifisch. Sie ist intraspezifisch, das bedeutet, sie betrifft die Beziehung zu den Artgenossen. Welpen brauchen den Kontakt mit anderen Hunden, sonst bleiben sie in ihrer geistigen Entwicklung zurück. Sie lernen dann auch nicht, die so wichtige Körpersprache der anderen Hunde zu deuten, aktiv beherrschen sie sie jedoch.

 

 

 

Aber die Sozialisierung ist auch heterospezifisch, das heisst, sie betrifft die Beziehungen zu Angehörigen einer oder mehrerer anderer Gattungen, Menschen, Katzen und andere Tiere beispielsweise.

 

Das Erlernen sozialer Kontakte beginnt mit einer Phase der "Attraktion". Zwischen drei und fünf Wochen hat der Welpe vor nichts Angst, alle Lebewesen interessieren ihn, er beginnt mit seiner Umwelt Beziehungen aufzunehmen und will alles erkunden. Er entwickelt eine Bindung an seine Mutter, seine Wurfgeschwister, die Menschen, die sich um ihn kümmern, die Katzen im Haus, .... . Ab dem Alter von fünf Wochen lässt die Anziehung nach und gleichzeitig beginnt eine Periode der "Aversion", der Welpe hat vor allem Neuen Angst.

 

Die sog. sensible Periode für das Kennenlernen befreundeter Gattungen von Lebewesen beginnt also ab der dritten Woche, nimmt ab der 7. Woche bereits wieder ab und endet um die 12. Woche. Diese Grenzen sind genetisch festgelegt und für fast alle Hunde identisch. Während der Sozialisierungsphase erwerben die Welpen die Grundbegriffe der sozialen Verständigung und der Hierarchie, sie lernen die der Hundesprache eigenen Signale zu erkennen und mütterliche oder väterliche Zurechtweisungen zu interpretieren.

 

 

Akita-Rüde Toshi mit Daiyoko's Welpen
Akita-Rüde Toshi mit Daiyoko's Welpen

 

Mit vier Wochen lernt der Welpe, seine Bisse zu kontrollieren, er übt Gesten des Drohens und der Unterwürfigkeit, was im Hinblick auf die unblutige Lösung von Konflikten sehr wichtig ist. Ab dieser Zeit übernimmt auch der Rüde einen Teil der Erziehung, und lehrt die Kleinen, dass nicht alles in der Welt Vergnügen ist. Im Alter von 5 bis 6 Wochen beginnen die Welpen, gemeinsam zu handeln und spielen nicht mehr zufällig.

 

 

Diese Zeit muss dazu verwendet werden, den Welpen an andere Tiere zu gewöhnen, aber mehr noch an den Menschen. Haben Welpen in dieser wichtigen Phase immer nur mit derselben Person zu tun, werden sie später kaum weitere Beziehungen zu anderen Menschen mehr aufnehmen. Sie sollten daher jetzt Kontakte haben zu Männern, Frauen, Kindern aller Altersstufen, Menschen anderer Hautfarbe, Uniformträgern, ... idealerweise auch bereits mit ihrer künftigen Familie, vor allem, wenn Kinder dazu gehören.

Ausserdem sollte der Welpe jetzt möglichst vielfältige Eindrücke sammeln dürfen, was das Leben im Haus mit seinen vielfältigen Geräuschen und Gerüchen betrifft, aber auch bezogen auf die "grosse weite Welt" ausserhalb des Hauses: Spaziergänge auf dem Land und in der Stadt, erste Autofahrten, ....

 

Fehlende Sozialisierungsprozesse wirken sich im späteren Leben wie Hirnverletzungen aus. In den ersten Lebenswochen formen sich nicht nur die Verhaltensweisen, sondern auch das Grundgedächtnis und die Schaltbahnen im Gehirn. Nach 49 bis 56 Tagen zeigen EEG-Ströme, dass die Entwicklung des Gehirns weitgehend abgeschlossen ist.

 

 

 

Mögliche Probleme bei der Sozialisierung

 

Es gibt Umstände, unter denen die Sozialisierung nicht normal verläuft. Dies kann bei Grosszüchtern der Fall sein, wo eine grosse Zahl von Würfen von wenig Personal betreut wird, wo die Welpen im Zwinger oder einem Nebengebäude auf einem Bauernhof aufwachsen, also in einer Umgebung, die nur wenig Stimulationen biete, und wo die den Hunden gewidmete Zeit meist eng begrenzt ist. Im Extremfall spricht man vom "kennel dog syndrome", dem Fehlen des Sozialkontakts zum Menschen. Welpen, die bis zum Ende der 6. Woche nicht mit Menschen in Berührung gekommen sind, werden diese auch später nicht als „Mit-Lebewesen“ akzeptieren, das gilt sinngemäss natürlich auch für Haustiere wie Katzen und Kaninchen. Solche Hunde zu erziehen ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Unfähig mit dem Menschen zu kommunizieren, begegnen sie diesem ängstlich bis aggressiv. Diese Hunde verhalten sich aber ihren Artgenossen gegenüber völlig normal.

 

Eine andere Störung kann auftreten, wenn der Welpe zu früh von seinen Artgenossen getrennt wird ( auf Grund von Krankheit, bei einem mutterlos aufwachsenden Welpen, ...). Bei diesen Hunden beobachtet man einen Mangel an Interesse an anderen Hunden, sie binden sich ausschliesslich an den Menschen.

 

 

 

 

Folgerungen

 

Die Sozialisierung eines Welpen ist entscheidend für das spätere Verhalten des Hundes. Dafür steht nur ein begrenzter Zeitraum zur Verfügung, in dem der Welpe rasch und leicht lernt. Was in diesem Zeitraum versäumt wurde, kann später, wenn überhaupt, nur sehr mühsam nachgeholt werden. Anlagen, die in dieser Zeit nicht gelegt wurden, sind unwiderbringlich verloren. Der einzig verantwortungsbewusste Ort für die Aufzucht von Welpen ist das Haus des Züchters, wo er mit allem vertraut gemacht werden muss, welchem er später begegnet. Die wichtigsten Entscheidungen, wie ein Hund sich einmal entwickeln wird, werden in den ersten Lebenswochen beim Züchter entschieden. Bei identischer Erbmasse können sich Hunde, die unter ungleichen Bedingungen aufgezogen wurden, völlig unterschiedlich entwickeln. Trotz erstklassiger Veranlagung können junge Hunde in Zwingerhaltung untrainierbar und wesensschwach werden. Welpen, die dagegen in einer abwechslungsreichen Umwelt aufwachsen und in den ersten 12 Wochen täglich mindestens eine Stunde lang gezielten Stimulationen ausgesetzt sind, ergeben Hunde, die später hervorragende Leistungen erbringen können. Beim Menschen würde man das als „Frühkindliche Förderung“, das Gegenteil als “Kaspar-Hauser-Syndrom" bezeichen. Der Volksmund formuliert es noch viel treffender: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr!“