AKITA - GESCHICHTEN

Sisyphos

 

Sie kennen doch Sisyphos, nein, nicht den armen Kellner aus einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll, sondern die Gestalt der griechischen Sagenwelt, die einen Felsen auf den Berg bringen sollte und immer, wenn er fast oben war, rollte dieser wieder runter. So wurde der arme Kerl nie fertig. Wie ich mit dem bedauernswerten Kerl mitfühlen kann.

 

Im Sommer sind die vielen Bäume in unserem grossen Garten wunderschön. Wir lieben es, uns in ihrem Schatten aufzuhalten. Wenn der Herbst kommt, färben sich die Blätter leuchtend gelb oder flammend rot ... eine Augenweide.

 

Irgend wann ist aber die Pracht zu Ende und dann beginnt eine Zeit, die ich gar nicht mag, denn Tage lang Laub rechen und wegräumen zählt wirklich nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen. Es ist einfach sehr anstrengend für einen älteren Herrn, der unter Ruhestand eigentlich Ruhe verstand..

 

Zu allem Unglück hatte meine Frau heuer noch einen Unfall. Im Krankenhaus wurde ihr eingeschärft, den Arm unbedingt zu schonen und peinlich darauf zu achten, dass ja kein Schmutz in die Wunden kommt.

 

Als liebender Gatte bot ich natürlich an, dass ich das Laub in diesem Jahr zur 'Chefsache' erkläre und mich alleine darum kümmere.

 

Seit Stunden stehe ich schon im Gras und reche Laubhaufen zusammen ... warum haben wir nur keine immergrünen Bäume? Die Arme tun schon weh und ich mag nicht mehr, aber, was sein muss, das muss eben sein. Die Akita finden es toll, wenn Herrchen Laubhäufchen durch die Gegend wirbelt und spielen 'Blätter jagen' ... in solchen Augenblicken wäre ich gerne ein Hund.

 

Endlich, ja endlich beginnt es zu regnen und etwas zu winden. Nun habe ich einen Grund aufzuhören, ohne meine Müdigkeit zugeben zu müssen. Ich gehe erleichtert ins Haus. Später am Abend höre ich, wie der Wind noch kräftig zugenommen hat und an den Ästen rüttelt. Samouraï und Co ist das völlig egal. Völlig entspannt liegen sie vor dem gemütlichen Kaminfeuer, haben sie sich eingerollt und schlafen ... eine sehr gute Idee.

 

Am nächsten Morgen füttere ich die Hunde und gehe dann nach draussen. Mein Gott, wie sieht es denn hier aus? Die Laubhaufen sind deutlich flacher geworden, der Rasen hat schon wieder einen dichten Laubteppich, denn der Wind hat das restliche Laub von den Bäumen geholt.

 

Was soll's, jammern gilt nicht und ich hole den Laubrechen. Wieder entstehen grosse Laubhaufen, einer nach dem anderen; die Arme tun weh, da höre ich ein seltsames Geräusch. Das darf doch nicht wahr sein. Meine süsse Tsubaki Hime klettert der Reihe nach auf die Laubhäufen, setzt eine Duftmarke und verteilt dann zwecks gründlicherer Reviermarkierung mit den Hinterläufen kräftig das Laub in alle Richtungen.

 

"Hime, nein!"

Erstaunt sieht mich Hime mit ihren Rehaugen und gekonntem Augenaufschlag an: "Herrchen, was ist denn schon wieder los!"

"Hime, runter!" Brav steigt sie vom Laubhaufen, den Befehl 'runter' kennt sie, hört sie ja oft, wenn sie es sich auf einem Sofa gemütlich machen will.

 

Runter ging sie wohl, aber kurz darauf stieg sie auf den nächsten Haufen.

"Runter!" Jetzt versteht sie die Welt nicht mehr und trollt sich in Richtung Eingangstür. Gute Idee, meine Frau lässt sie ins Haus und, damit ich mich nicht so einsam fühle, kommt Daiyoko, unser Nesthäckchen nach draussen. Wie die sich freut, mich zu sehen. Ja, ich freue mich ja auch, aber ich muss doch weiterarbeiten! Die Kleine dreht begeisterte Runden um mich, fordert mich zum Spielen auf - nichts lieber als das, aber ich muss die Sonne und den trocknenden Wind in der Regenpause doch zur Arbeit nutzen. Enttäuscht saust Yoko ins Gebüsch und findet ein wunderbares Spielzeug: Einen langen, dünnen Ast mit vielen Zweigen dran. Hurrah, da kann sie Herrchen helfen. Das dicke Ende im Mäulchen flitzt sie durch den Garten und das Laub in ihrer Bahn wirbelt in alle Richtungen. Egal, so lange sie nicht durch die Laubhaufen rennt.

 

Es gibt Dinge, die sollte man nicht einmal denken, wenn ein Akita in der Nähe ist, denn die pfiffigen Biester sehen Dir direkt ins Hirn ... ähem, zumindest hat man gelegentlich diesen Eindruck. Prompt springt Yoko auf den ersten Haufen, den Ast hinter sich her ziehend. Lustig - für die Kleine - wirbeln die Blätter umher und der Laubhaufen ist schon wieder kleiner. Und schon ist der nächste Haufen dran ... und der nächste. "Stopp!" Lauter brüllt auch Kingkong nicht als ich in diesem Augenblick. Verdattert lässt die süsseste aller Junghündinnen ihren Ast los, setzt sich in einiger Entfernung ab - sicher ist sicher - legt das Köpfchen schief und blickt mich so drollig an, dass ich schon wieder nicht so wirklich böse sein kann. "Komm!" Sie flitzt an, holt sich ihre Knuddeleinheiten ab, leckt mir liebevoll den Bart und hat genau das erreicht, was sie schon vorher wollte: Herrchen spielt mit ihr. Gewusst wie!

 

Na ja, diesmal war der Schaden ja schnell beseitigt, aber etwas habe ich aus dem Vorfall gelernt:

 

Die Moral von der Geschicht'

Lass Deinen Haufen liegen nicht!*

 

 

*Frei nach Wilhelm Busch