AKITA - GESCHICHTEN

Das Brathuhn

Allmählich wird Daiunme erwachsen, ein Fasttag pro Woche ist gesund, übergangsweise zunächst mal ein halber Tag.

 

So bekam sie heute erst am Abend ein Stück Pastete - als Vorspeise -, etwas Gemüse muss schon auch sein. Die Kleine sah aber überhaupt nicht ein, dass sie mit einem Gemüsekuchen vorlieb nehmen sollte, wenn sich im Ofen ein Brathuhn auf dem Spiess drehte. Kurz, sie verweigerte ihr Fressen - ihr Problem!

 

Wir assen zu abend. So lästig waren die Hunde noch nie. Sami könnte ja mühelos vom Teller stibitzen, gross genug wäre er, versucht es aber erst gar nicht, dazu ist er zu wohlerzogen. Normalerweise akzeptieren die Hunde, wenn wir essen, denn gefüttert werden sie am Tisch nie - sie liegen dann irgendwo in der Nähe und dösen -, aber die hungrige, vorwitzige Daiunme verdirbt die Sitten. Ein scharfes "Assis!" und sie sassen, die beiden Grossen jedenfalls, sabbernd, missgönnisch und gierig. Die Kleine setzte sich zwar auch, legte aber den Kopf auf Gabrieles Schoss. Betteln? Nein, fordern! Sie wurde energisch weggeschickt, war äusserst beleidigt und ziemlich verstört.

 

Als ich nach den Essen die Knochen auf einem Teller sammelte und den Hühnern zum Abnagen zuwarf, verstanden die Drei die Welt nicht mehr. Vorwurfsvolle Blicke ohne Ende. "Herrchen, hast Du sie noch alle? Die leckeren Knochen!" Daiunme wollte ihren Gemüsekuchen - trotz Entenfettbeigabe - jetzt erst Recht nicht mehr, sass lieber in der Küche und bewachte die beiden übrig gebliebenen Keulen in der Kasserolle. Sicherheitshalber schob ich diese auf der Arbeitsplatte weit nach hinten, hundesicher! .... "Errare humanum est".

 

Während wir einen Spielfilm ansahen, kam Samouraï aufgeregt zu mir, leckte meine Arme, benahm sich seltsam, er wollte uns irgend etwas mitteilen, aber was? Ich verstand ihn leider nicht, da versuchte er dasselbe bei meiner Tochter, auch ohne Erfolg .... bis wir ein Klirren hörten. Julia lief sofort in die Küche und rief mich dringlich zu ihr. Ich sah die zappelnde Daidai, von Julia im "Schwitzkasten" gehalten. Mit Mühe - welche Kraft das kleine Hundchen doch hat - machte ich ihr das "Mäulchen" auf, Julia hielt den Hund fest, Gabriele zog todesmutig die Hühnerkeule aus dem Fang.

 

Wie hat die Kleine das nur wieder angestellt? Die Kasserolle stand noch immer an Ort und Stelle? War sie auf die hohe Arbeitsplatte gesprungen? Das würde das Geräusch erklären, Besteck lag ja auch am Boden. Mein Gott, was war Daidai sauer! Als ich dann auch noch die gerettete Keule abbeinte, das Fleisch für den nächsten Tag als Belohnungshappen beiseite legte, und die Knochen wieder den Hühnern zu warf, hätte sie sich gerne getraut, mir diese zu entreissen.

 

Ich war aus ihrer Sicht auch zu unfair. Alles, was "hund" im Maul hat, ist unantastbarer Privatbesitz. Nicht mal Sami oder Rakuna würden ihr das wieder abnehmen. Die gemeinen Menschen halten sich auch an keinerlei Regeln elementarer Hundehöflichkeit. Dem Riesen Samouraï etwas gegen seinen Willen aus dem Maul zu nehmen wäre noch wesentlich schwieriger gewesen, doch wohlerzogen wie er ist, lässt er, ebenso wie Rakuna, alles sofort fallen, wenn man ihm "Aus" zuruft, aber er klaut ja ohnehin nicht mehr. Ich habe sogar den Eindruck, dass er uns zeigen wollte, dass nicht er es war, der das Fleisch geklaut hat - oder wollte er uns gar holen? -, denn warum hätte er, der immer coole Typ, sich sonst so seltsam aufgeregt verhalten.

 

Einige Zeit später akzeptierte Daiunme sogar ihren Gemüsekuchen. Ihre Verachtung für das "Zeug" zeigte sie mir jedoch, nicht nur indem sie ein Stück übrig liess, sondern auch dadurch, dass sie sich während des restlichen Fernsehfilms schmollend in ihren Korb legte, statt wie immer zu mir auf's Sofa zu klettern. Ob sie uns jemals wieder verzeiht?