AKITA - GESCHICHTEN

Avu, der Schrecken des Bärentals

 

Avu heisst in der Sprache der Minna** Hund. Schon als 4 Wochen alter Winzling wurde Avu am Strassenrand von Lomé in Togo verkauft. Meine Tochter brachte ihn dann in unsere Familie. Dank eines guten Tierarztes hat der Zwerg überlebt, trotz aller nur denkbarer Parasiten, die er aus Afrika mitgebracht hatte. Allein über 100 Zecken hingen an dem nur 1,5 kg leichten Welpen.

 

Avu wurde ein lieber und anhänglicher Kerl, verschmust, ausserordentlich kinderlieb***; er hatte eigentlich nur eine einzige wirklich schlimme Angewohnheit: Er war ein begeisterter Jäger vor dem Herrn, mal abgesehen davon, dass im Vergleich zu ihm, Akitas wahre Vorbilder an Gehorsam sind. Nachdem er schon sämtliche Hühnervölker im Dorf massiv dezimiert hatte und die Mauer um den Garten immer noch nicht fertig war, mussten wir ihn entweder im Haus einsperren oder lange Spaziergänge mit ihm unternehmen, um ihn dann fernab von allem Federvieh herumtoben zu lassen. Ein Dorfhund wie die anderen, die ein- und ausgehen, wie sie wollen und ihre Freunde besuchen, würde er nie werden können, leider, zumindest nicht, so lange noch Federvieh im Dorf lebte.

 

Radfahren mit ihm war auch nicht die reine Freude, denn, wenn man wie wir in einem Tal wohnt, geht es immer zuerst einen langen Berg hoch - Hundchen liess sich mühsam ziehen, Herrchen trat kräftig in die Pedale, kriegte davon stramme Wadln. Heimwärts, bergab, zog Avu kräftig wie ein Schlittenhund und in einem Wahnsinnstempo. Ich versuchte dann mit der linken Hand gleichzeitig um die Kurven zu lenken und die Bremse zu ziehen, die andere Hand hielt die Leine. Aber wenigstens war nach so einem Höllenritt Hundchen rechtschaffen müde, völlig platt, wie man leichthin sagt, sein Mitfahrer allerdings auch. Die Hühner hatten etwas Ruhe, aber nur etwas.

 

Am Morgen kamen die Handwerker, sie gingen ständig ein und aus. Niemand schloss die Türen hinter sich. In keinem Raum konnte man den Hund lassen. Was blieb anderes übrig, als den armen Avu draussen im Schatten an einer langen Leine anzubinden, ihn, der zu allen Menschen und Hunden so freundlich war - nur nicht zu Hühnern, kein Zimmer für ihn, nicht die Zeit, wochenlang den ganzen Tag mit ihm spazieren zu gehen, eine Quälerei für den armen Kerl. Weswegen nur hatte einer der Handwerker so schreckliche Angst vor dem kleinen, lieben Basenjii****?

 

Am Nachmittag war ich alleine zu Hause, die Ehefrau ging einkaufen. Ich selber hatte kurz etwas dringendes, unaufschiebbares zu erledigen, als ich plötzlich klägliche Hilferufe des Plâtriers***** hörte: "Monsieur, Monsieur!", das ganze noch untermalt von einem bizarren Jodeln. Ich eilte so schnell es eben ging nach draussen, schlimmstes befürchtend. Mir bot sich ein Bild, bei dem ich nur unter Aufbietung aller Selbstbeherrschung brüllendes Gelächter unterdrücken konnte. Der arme, verängstigte Handwerker stand zur Salzsäule erstarrt im Garten, gefesselt von der Hundeleine, sowohl mit dem Gleichgewicht kämpfend als auch seiner wachsenden Panik, denn der Kleine hatte ihn mehrmals samt Schnur umrundet. Als dann seine Runden zwangsläufig immer kleiner wurden, bekam er Angst, glaubte der böse Mann würde ihn festhalten, zerrte, riss, knurrte und bellte sein Basenjibellen und wollte nichts als weg. Für uns klingt dieses Bellen etwa wie Jodelversuche von Alpentouristen nach zu viel Jagertee, für andere allerdings wirkt es sehr bedrohlich und gefährlich, etwa wie das Lachen einer Hyäne oder das Geheule von Wölfen im Stimmbruch.

 

Ich weiss gar nicht, wer von den beiden Helden mehr Angst hatte, armes Hundchen, weil er quasi gefesselt war oder der kreidebleiche, zitternde, fluchtunfähige Mann mit vor blankem Entsetzen geweiteten Augen, weil er in der Tat gefesselt war. Jedenfalls befreite ich eilig Avu und den Plâtrier, entschuldigte mich vielmals, bot Flüssiges zur Beruhigung an, beiden, dem Hund allerdings nur Wasser, und war schrecklich bemüht, nicht kräftig loszuprusten. Es fiel mir sehr, sehr schwer.

 

Natürlich erzählte das Opfer die Geschichte allen Leuten im Dorf. Dabei wurde die Situation von Mal zu Mal noch schlimmer und gefährlicher geschildert; nur einige Leute, die meinen gutmütigen Hund besser kannten, glaubten der masslosen Übertreibung nicht, dass der Kleine das gefährlichste Untier im gesamten Dordognetal sei.

 

Etwas haben wir aus der Geschichte jedoch gelernt: Mach' Deinen Hund nie zum Kettenhund. Selbst der freundlichste, gutmütigste kann so zu "Gefahr" werden. Wir stellten daraufhin Avus Korb schleunigst ins Bad, hätten wir auch früher draufkommen können. Sorry, Avu! Nur, was tun, wenn der Plâtrier jetzt mal p.... muss?